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Die Stern-TV-Sendung vom 02.05. thematisierte die Qualität der Pflegeheime – und greift neben den Testergebnissen der Krankenversicherungen auch ganz eigene Ergebnisse auf.

Laut den Ergebnissen der KV in Deutschland hat sich die Qualität der Pflege verbessert. Eine ganz andere Sichtweise offenbart jedoch das Stern-TV-Urteil.

Die Topnoten vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen sind für die Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein nicht nachvollziehbar. “Bei der Überprüfung wird nicht nach der Lebensqualität der Bewohner und der Betroffenen gefragt”, so die Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften der Privatuniversität Witten/Herdecke. Weiterhin kritisiert sie die unzureichende Zeit, um sich wirklich mit dem Pflegebedürftigen und der Versorgung auseinander setzen zu können.

Mathias Knigge als Lockvogel

Wie sich der Alltag in Pflegeheimen wirklich gestaltet, testete Stern TV mit dem Pfleger Mathias Knigge. Insgesamt wurde der Lockvogel in vier verschiedene Pflegeheime geschickt – zum „undercover-Probearbeiten“. Genau unter die Lupe genommen wurden diejenigen Pflegeheime, die von den Krankenkassen mit 1,0 bis 1,7 benotet wurden. Schenkt man dem Glauben, so sollte Lockvogel und Testpraktikant Mathias also positiv aus dem Pflegealltag treten.

Doch als der Pfleger Mathias Knigge 5.30 Uhr mit der Arbeit beginnt, trifft er auf nur einen Kollegen. Bei rund 40 zu betreuenden Personen bedeutet dies nicht nur zu wenig Personal auf der Station, sondern auch zu wenig Zeit für den Einzelnen. Ein Gespräch mit einer älteren Dame bestätigt diese Meinung: Seit acht Jahren lebt die Dame nun im Pflegeheim. Auf die Frage, ob sie spazieren geht, entgegnet sie nur: “Nein, es fährt keiner mit mir raus, seit ich hier bin.”

Knigge fehlen die Worte. „Moderne Käfighaltung“ ist der Ausdruck seines Unverständnisses.
Nur ein paar Zimmer weiter, liegt eine Frau. Bettlägerig – und mit eingeschränkter Flüssigkeitsaufnahme. Ihr Urin ist stark eingefärbt, doch für die Versorgung mit genügend Flüssigkeit sei keine Zeit. “Da müssen wir ihr gleich eine Infusion anhängen lassen”, lautet die Lösung des Pflegers.

Eine einfache Vorgehensweise. Es muss kein Dialog stattfinden. Die Nachfrage, wie es dem Pflegebedürftigen geht erübrigt sich. Und die Organisation funktioniert ähnlich der Fließbandarbeit.

Der Heimbewohner – das Frustventil

Dennoch: Viele Pfleger legen Wert auf einen liebevollen Umgang mit den Heimbewohnern. Doch zu wenig Zeit und zu viel Arbeitsvolumen bilden im Mix mit oftmals schlechten Arbeitsbedingungen keine guten Voraussetzungen für die optimale Pflege im Heim. Pfleger und Pflegerinnen sind sich dessen bewusst … und immer häufiger der Frustration ausgesetzt, doch nichts an der Situation ändern zu können. Zu spüren bekommen es die Heimbewohner, die vielmehr als „Arbeit“ und „Frust-Ventil“ wahrgenommen worden.

Der ursprüngliche Bericht: 8101 Pflegeheime. Vier Bewertungskriterien. 84 Fragen. Und eine Gesamtnote. Problem dabei stellt die gleiche Gewichtung der Fragen dar: Ein gut lesbarer Speiseplan wird dabei genauso bewertet wie die ausreichende medizinische Versorgung.

Für Mathias Knigge ist klar: Das Personal in den Heimen scheint überfordert. Bewohner finden sich im tristen Alltag wieder. In manchen Heimen gab es sogar bauliche Mängel und Fehler in der Pflegeleistung.

Die Originalfassung zum Stern-TV-Bericht sowie den ausführlichen Pflegebericht der Krankenkassen finden Sie hier.


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